Stadt Augsburg Stadtarchiv Augsburg
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19.12.2018

Stadtgeschichte aus erster Hand - Das historische Dokument

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Zum 200. Geburtstag von Max von Pettenkofer (* 03.12.1818, † 10.02.1901)

Theaterzettel mit Max von Pettenkofer alias „Herr Tenkof“ (Stadtarchiv Augsburg, Theaterzettelsammlung, 06.10.1841)

Brief von Max von Pettenkofer an seinen Schwiegersohn August Riedinger (Stadtarchiv Augsburg, Einzelstücke, Nr. 128)

Von Augsburgs Bühnen in den medizinischen Olymp

Max von Pettenkofer war ein medizinischer Pionier seiner Zeit. Wissenschaftlicher Forscherdrang und Bereitschaft zu lebensbedrohlicher Feldforschung prägten den Beginn seiner Karriere, die 1865 mit seiner Ernennung zum ersten deutschen Professor für Hygiene gipfelte.

Als 1854 eine große Cholerawelle über Bayern hereinbrach, bereiste Max von Pettenkofer systematisch die betroffenen Städte u.a. München, Nürnberg, Würzburg und Augsburg. Er dokumentierte den Verlauf der Epidemie in Abhängigkeit zu den jeweiligen räumlichen Gegebenheiten. In Augsburg traf Max von Pettenkofer am 19. September 1854 ein. Zu diesem Zeitpunkt wütete die Seuche schon rund einen Monat und hatte Hunderte von Todesopfern gefordert.
Seine Erkenntnis samt der Analyse der örtlichen Verhältnisse veröffentlichte er 1855 und ermutigte Behörden, Wirtschaftskreise und Privatpersonen, sich auf diesem Gebiet zu engagieren, was zu der öffentlichen Gesundheitspolitik führte, die im ausgehenden 19. Jahrhundert in großem Umfang bei den städtebaulichen Sanierungen sichtbar wurde. Während die Stadt München auf Pettenkofers Initiative hin eine Schwemmkanalisation einrichtete und damit zu einer der saubersten Großstädte Europas wurde, setzte man in Augsburg auf weniger innovative Konzepte und führte lediglich das bewährte und kostengünstige Fäkaltonnensystem zur hygienischen Beseitigung der menschlichen Abwässer ein.

Die Rezeption Pettenkofers Theorien blieb in Augsburg ebenso spärlich wie seine offiziellen Kontakte. Ein häufig zitiertes Gutachten Pettenkofers aus den 1890er Jahren, in welchem er die ausgezeichnete Qualität des Grundwassers aus dem Siebentischwald bestätigt, existiert in dieser Form nicht. Vielmehr waren es hochrangige Mitarbeiter seines Instituts für Hygiene, die dieses Gutachten erarbeiteten.

Die Quellen des Stadtarchivs eröffnen jedoch andere Blickwinkel auf den Menschen Max von Pettenkofer. Im Spätherbst 1841 betritt ein junger Schauspieler – Herr Tenkof – im Augsburger Stadttheater die Bühne.

Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich der 23jährige Max von PetTENKOFer. Zwischen dem 6. Oktober und 5. November 1841 ist er in 12 verschiedenen Stücken zu sehen u.a. in Goethes Drama „Egmont“ oder in der romantischen Oper „Freischütz“ von Carl Maria von Weber.
Ein Streit mit seinen Onkel und Förderer Franz Xaver Pettenkofer, königlicher Hof- und Leibapotheker, hatte ihn dazu veranlasst sein Studium der Pharmazie, Chemie und Medizin in München abzubrechen und sich in eine Schauspielkarriere zu stürzen. Letztlich besann er sich auf seine naturwissenschaftliche Leidenschaft und kehrte zu seinen Studien nach München zurück.

Die zweite im Stadtarchiv überlieferte Quelle zeigt Max von Pettenkofer in einer gänzlich anderen Rolle: als Geschäftspartner, Freund und liebevollen Schwiegervater.

Bereits in den 1850er Jahren arbeitete Pettenkofer mit einem der führenden Köpfe der Augsburger Großindustrie zusammen – Ludwig August Riedinger. Gemeinsam forschten sie zu Holzgasgewinnung und -Nutzung. Aus dieser geschäftlichen Beziehung wurde 1871, als Pettenkofers Tochter Anna und Riedingers Sohn August heirateten, eine familiäre Verbindung. Die Briefe Pettenkofers an seinen Schwiegersohn zeugen von persönlicher Zuneigung und gemeinsamen fachlichen Interessen. August Riedinger trat beruflich in die Fußstapfen seines Vaters, der zunächst technischer Direktor der Augsburger Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei (SWA) war, sich aber bald mit einer Gasapparatefabrik, aus der später die L. A. Riedinger Maschinen- und Broncewaaren-Fabrik Actien-Gesellschaft hervorging, selbständig machte. Durch ein enges Beziehungsgeflecht war die Familie Riedinger mit anderen Persönlichkeiten der bayerischen Industrie verknüpft. Die Ehe zwischen Anna Pettenkofer und August Riedinger fügte sich in diesen Kontext.

Der Austausch des renommierten Mediziners mit seinem von technischem Unternehmergeist geprägten Schwiegersohn August Riedinger zeugt von der Innovationskraft der intellektuellen und wirtschaftlichen Elite der Zeit. August Riedinger zog seinen Schwiegervater als Berater zur Klärung der Ursachen eines tödlichen Gasunfalls heran. 1881 tauschen sie sich über einen von Dr. Gerson entwickelten Filter zur Reinigung von Trinkwasser aus. Pettenkofer empfiehlt seinem Schwiegersohn die Publikation der Abhandlung in dem von einem anderen namenhaften Augsburger, dem Chemiker und Kattundrucker und -Fabrikanten Johann Gottfried Dingler, ins Leben gerufenen Polytechnischen Journal zu forcieren.