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20.02.2019

Wassergeschichte(n) - 3.4 Trinkwasserskandal beim "Löwenwirt"

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3.4 Trinkwasserskandal beim „Löwenwirt“

Anonyme Beschwerde über die mangelhafte Wasserqualität in Oberhausen; 7. September 1911; gebundener Akt, Papier, 34 cm h x 23,5 cm b (aufgeschlagen: 47 cm b) x 5 cm t; Stadtarchiv Augsburg, Polizeidirektion Augsburg, Polizeisachregistratur – Bestand 10, Nr. 1202.

Ein von „mehreren Arbeitern und Gästen“ unterzeichnetes Schreiben erreichte am 7. September 1911 den Stadtmagistrat Augsburg. Die erhobenen Anschuldigungen wogen schwer: In der Oberhausener Wirtschaft „Zum Löwen“ sei verunreinigtes Wasser ausgeschenkt worden! Eine anonyme Anzeige, der umgehend nachgegangen werden musste...

Den Grundstein für den Beginn der amtlichen Lebensmittelüberwachung legte die deutsche Reichsregierung 1879 mit dem Erlass des Nahrungsmittelgesetzes. Die Verantwortung für die Durchführung wurde den Einzelstaaten übertragen. Als erstes Land führte Bayern am 1. Mai 1884 Lebensmittelkontrollen ein. Die „Allerhöchste königliche Verordnung“ verlangt u. a. die Prüfung und Sicherung der Trinkwasserqualität durch eine der vier eingerichteten königlichen Untersuchungsanstalten für Nahrungs- und Genussmittel in Erlangen, München, Würzburg und Speyer.

Der anonym erhobene Vorwurf lautete: In der Wirtschaft „Zum Löwen“ in der Ulmer Straße 28 werde mit tierischen Fäkalien verunreinigtes Wasser ausgeschenkt und zur Zubereitung der Speisen verwendet. Man fragte sich, warum die sonst so strenge Stadtverwaltung in diesem Fall nicht einschritt. Sollte dies etwa aus Gefälligkeit gegenüber dem Grundstückseigentümer, dem Immobilienmakler und Grundstücksspekulanten Samuel Löffel, sein? Letztlich drohten die Absender, sich an die Presse zu wenden, sollte hier nichts unternommen werden.

Die Stadtverwaltung konnte solche Vorwürfe natürlich nicht auf sich sitzen lassen und ergriff umgehend die Initiative:
Seit der Eingemeindung Oberhausens am 1. Januar 1911 war die Marktinspektion der Stadt Augsburg auch im Vorort Oberhausen für die Überwachung der Lebensmittelsicherheit verantwortlich. Ein Marktinspektor wurde zur Prüfung der Anschuldigungen in das Wirtshaus entsendet und fand vor, was die anonymen Briefschreiber angezeigt hatten: Der 12 bis 15 m tiefe Pumpbrunnen lag im Hof des Anwesens direkt neben dem Stall. Der Stall verfügte praktisch über keinerlei Kanalisierung. Zwar gab es eine kleine Rinne, über die die Jauche, die nicht direkt im Boden versickerte, abgeleitet wurde, doch endete diese in einer Schmutzpfütze mitten im Hof und versickerte dort ebenfalls langsam und stinkend im Boden. Auch die sonstigen Abwässer des Anwesens sammelten sich in einer etwa 6 m vom Brunnen entfernten Versitzgrube.

Um den Grad der Wasserverschmutzung festzustellen reichte jedoch die Feststellung, es „riecht und stinkt sehr stark nach Odel“, nicht aus. Die königliche Untersuchungsanstalt für Nahrungs- und Genussmittel in München wurde damit beauftragt, eine Wasserprobe chemisch zu analysieren. Das Ergebnis war vernichtend: „Die eingesandte Wasserprobe (ist) durch Abfallstoffe stark verunreinigt und daher zu Trink- und Nutzzwecken ungeeignet“. Der Brunnen wurde sofort gesperrt, die Verfüllung mit Kies angeordnet und die Anbindung des Wirtshauses in der Ulmer Straße 28 an das städtische Röhrnetz veranlasst.

Die anonymen Absender der Anzeige hatten also in der Sache recht behalten, das sofortige Handeln der Stadt entkräftet jedoch den Vorwurf, dass der „Kapital Herr“ Samuel Löffel bevorzugt werde. Bei der Wasserqualität ließ die Stadt nicht mit sich scherzen!

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