Stadt Augsburg Stadtarchiv Augsburg
L o g o
24.04.2018

Fugger, Kaufmanns- und Patrizierfamilie, Hochadelsgeschlecht

Seit 1367 in A. nachweisbar; 1462 (?) und 1473 ks. Wappenbriefe, 1478 Herrenstube, 1511 Reichsadel, 1514 und 1526 Grafenstand (lehensrechtlich für Kirchberg), 1530/35 fakultativer Frhr.-Stand (Titelführung ab ca. 1550) und Grafenstand (Titelführung ab ca. 1620), 1538 Aufnahme ins Patriziat; 1803 Reichsfürstenstand (F.-Babenhausen), 1913 bayerischer Fürstenstand (F.-Glött). Ab 1367 wanderten Angehörige der aus Graben bei Schwabmünchen (chronikalisch) stammenden Weberfamilie F. nach A. zu. Schon im 14. Jh. lassen die wirtschaftlichen Verhältnisse (1396: 1806 fl AV, 40. Stelle) des nach A. zugewanderten Johann (I) F. († 1408) auf eine Tätigkeit als Kaufmann schließen. Seine Witwe führte die Geschäfte erfolgreich weiter. Steuerbuchungen belegen, daß die Söhne Andreas und Jakob auch nach Heirat gemeinsamen Handel trieben. Nach der geschäftlichen Trennung der Brüder (1454/55) formierten sich die Linien „vom Reh“ und „von der Lilie“. u F. „vom Reh“. Der vorzeitige Tod des as († 1457) hemmte die wirtschaftliche Entwicklung der älteren Linie. Indizien sprechen dafür, daß die Witwe eng mit dem Schwiegersohn T. (I) Grander zusammenarbeitete, vermutlich sogar an dessen Gesellschaft beteiligt war. Erst 1469, nach dessen frühem Tod, trat Lukas (I, † nach 1512) als selbständiger Kaufmann hervor. Wahrscheinlich hatte er die Leitung des Handels übernommen, denn neben den Brüdern Jakob († 1518) und Matthäus († 1491) waren zeitweilig auch die Granderneffen für seine Gesellschaft tätig. 1462 (Datum chronikalisch) erhielt die Familie einen Wappenbrief. 1478 und 1480 gelangten die jüngeren Brüder durch ihre Eheschließungen auf die Herrenstube, 1488 durch seine zweite Ehe auch Lukas. Der Bankrott der Gesellschaft erschütterte die Stellung der Familie nachhaltig und führte in A. zum Verlust der Stubenfähigkeit. Nur wenig betroffen war der schon 1474 nach Nürnberg abgewanderte Bruder Johann, der eigene wirtschaftliche Aktivitäten entwickelt hatte. Jakob übersiedelte 1502 nach Kaufbeuren, sein Sohn ließ sich in Regensburg nieder. In A. blieben die Nachkommen des Matthäus, die in gehobenen Handwerksberufen (Goldschmiede, Kürschner) belegt sind und mit dem Kürschner Ulrich F. († 1586), der 1575-1582 als Bgm. amtierte, sogar noch einmal eine wichtige politische Persönlichkeit stellten. Auch die Nachkommen von Lukas verließen A.; zu ihnen zählten wohl der Krakauer Bürger Bartholomäus F. († 1537) und die bis ins 19. Jh. belegten Warschauer F. u F. „von der Lilie“. Die jüngere Linie war von Anfang an die wirtschaftlich bedeutendere. Nach der Trennung etablierte sich Jakob (I, † 1469) in der Spitzengruppe der Kaufleute (1466: 7350 fl AV, 7. Stelle), wobei Indizien für eine Ausweitung der Geschäftsfelder sprechen. Im Zusammenhang mit den Ungeldunruhen von 1466 wechselte er wie T. Ehem aus der Weber- in die Kaufleutezunft. Dank des Geschäftssinns der Witwe blieb sein Tod für die Firmenentwicklung ohne Folgen. In Venedig und Nürnberg, den wichtigsten frühen Außenhandelsposten, sind seit Anfang der 70er Jahre die heranwachsenden Söhne nachweisbar. Unter seinen Söhnen Ulrich (* 1441, † 1510), Georg (* 1453, † 1506) und dem urspr. für den geistlichen Stand bestimmten Jakob entwickelte sich das Handelshaus („Ulrich F. & Gebrüder“) zur führenden A.er Firma. 1473 erhielten die Brüder einen ks. Wappenbrief, durch Heirat gelangten sie geschlossen auf die Herrenstube, 1538 wurden ihre Nachkommen ins Patriziat aufgenommen.

Jakob „der Reiche“

(* 1459, † 30.12.1525, A.) spielte seit Ende des 15. Jh.s eine zunehmend bedeutende Rolle in der Geschäftsführung, nachdem er in Venedig seine kaufmännische Grundausbildung erhalten und die Leitung der Innsbrucker Faktorei übernommen hatte. 1498 heiratete er Sibylla Arzt (* um 1480 A., † 1546 A.), eine Verwandte des U. (III) Arzt (Hochzeitsbild von T. Burgkmair). Jakob konnte Erzherzog Sigmund von Tirol als Geldgeber für dessen aufwendige Hofhaltung an das Handelshaus binden und baute engste Geschäftskontakte zu Ks. Maximilian I. auf. Verknüpfte die umfangreichen Finanzgeschäfte mit den Habsburgern mit Bergwerksbeteiligungen in Tirol, Kärnten, Thüringen und Ungarn, wo der Krakauer Kaufmann und Ingenieur Johann Thurso d.Ä. eine wichtige Rolle als Strohmann spielte. Der traditionelle Warenhandel mit Barchent, Spezereien und Italienwaren wurde beibehalten. Es gelang Jakob F., mit dem Fürstbf. von Brixen als heimlichem Geldgeber seit 1496 neue Finanzierungsmöglichkeiten zu erschließen. Das Unternehmen beteiligte sich mehrfach an Konsortien und Syndikaten, u.a. am ersten Kupfersyndikat von 1498, gemeinsam mit Baumgartner, Gossembrot und Herwart sowie mit Höchstetter und Welser an der Indienfahrt von 1505. Zu den spektakulärsten Geschäften gehörten seine Mitwirkung bei der finanziellen Abwicklung des St.-Peter-Ablasses und bei der Durchführung der Wahl Karls V. (1519). Ein geschäftspolitisch entscheidender Zug gelang ihm 1525 mit der Liegenschaftspacht der drei spanischen Ritterorden („Maestrazgos“). Die Unterstützung des Ks.s half ihm 1509/10, nach dem Tod des Brixener Fürstbf.s, Melchior von Meckau, die Nachlaßansprüche der Kurie und 1522/24 bzw. 1529 die Monopolklage des Reichsfiskals abzuwehren. Unter seinem Einfluß entstand die für das Handelshaus charakteristische Führung durch einen „Regierer“ und die Gesellschaftsbeteiligung ausschließlich männlicher Familienmitglieder. Der Erwerb zahlreicher Herrschaften (u.a. 1507 Kirchberg), die Erhebung in den Reichsadels- (1511) und in den Reichsgrafenstand (1514) sowie der Ausbau der F.-Häuser am Weinmarkt waren, ebenso wie der Beginn des umfangreichen Stiftungswesens, Ausdruck des außergewöhnlichen gesellschaftlichen Aufstiegs. 1509-1525 im Rat, hielt er sich stadtpolitisch zurück, besaß aber in dem verwandten Bgm. U. Arzt einen wichtigen Interessenvertreter. Stand der Reformation ablehnend gegenüber, worauf der Stiftungsbrief für die Fuggerei 1521 und das Testament von 1525 hinweisen. 

Anton Fugger

Da kinderlos, ging sein Vermögen nach seinem Tod an Raymund (* 1489, † 1535) und Anton Fugger, die Söhne seines Bruders Georg. Die Witwe heiratete 1526 in zweiter Ehe den ev. Patrizier K. Rehlinger und konvertierte. Anton (* 1493, † 14.9.1560), dem Jakob testamentarisch die Führung des Unternehmens übertragen hatte, heiratete 1527 Anna Rehlinger. Unter ihm Schlüsselstellung des Unternehmens in der europäischen Wirtschaft durch weiterhin intensive Zusammenarbeit mit den Habsburgern. Die Königswahl Ferdinands I. 1531 wurde durch Gelder ermöglicht, die die F. und Welser beschafften. Schwerpunkte der Geschäftspolitik wurden neben dem Finanzwesen der Bergbau in Ungarn und die spanische Maestrazgos-Pacht, der Tiroler Bergbau verlor dagegen an Bedeutung, der Warenhandel nahm stark ab. Aufgrund der politischen und religiösen Entwicklung hielt sich F. seit 1534 v.a. auf seinem Besitz Weißenhorn auf, woran auch die Aufnahme ins Patriziat 1538 nichts änderte. 1526/30 Erhebung in den erblichen Reichsgrafenstand und ks. Rat. Trotz Distanzierung von der städtischen Führung setzte sich Anton nach dem Ende des Schmalkaldischen Krieges für A. ein (Kniefall vor Karl V. in Ulm am 29.1.1547). Zweifelhaft ist allerdings die angebliche Verbrennung ks. Schuldscheine. 1549-1550 Geheimer Rat, hielt er sich aber weiterhin von der Stadtpolitik fern.

Raymunds Sohn Johann Jakob

(* 23.12.1516 A., † 4.7.1575 München) war nach Studium und Auslandsreisen seit 1543 am Familienunternehmen beteiligt. 1544-1546 Einnehmer, 1548-1550 Bgm., 1551-1565 im Geheimen Rat. Im Schmalkaldischen Krieg Vermittler zwischen Ks. und Stadt. Seit 1549 ks. Rat. Ab 1560 Geschäftsleitung mit Antons Sohn Markus, die er 1564 aufgrund finanzieller Probleme niederlegen mußte. Ab 1570 Rat und 1573 Präsident der Münchner Hofkammer. Initiator des Spiegels der Ehren des Ks.- und kgl. Erzhauses Österreich, der 1547/55 in A. entstand (BSB Cgm 8) und des von C. verfaßten Geheim Ehrenbuchs des F.ischen Geschlechts mit Illustrationen aus der Werkstatt J. Breus d.J. Trug, humanistisch gebildet, eine bedeutende Bibliothek zusammen, die seit 1552 auch diejenige Hartmann Schedels einschloß. Seit 1556 Berater Herzog Albrechts V. in Kunstfragen, wesentlich beteiligt am Aufbau der großen Münchener Sammlungen. Hoch verschuldet mußte er 1571 seine Bibliothek an Albrecht V. verkaufen, die seitdem Bestandteil der 1557 gegr. Münchner Hofbibliothek (heute BSB) ist. u Kg. Ludwig I. von Bayern stiftete 1857 ihm zu Ehren das einzige Denkmal für ein Mitglied des Hauses F. in A. (Philippine-Welser-Straße).

Antons Sohn Markus

(* 1529, † 1597), nach dem Ausscheiden Johann Jakobs (1564) alleiniger „Regierer“, führte das Unternehmen erfolgreich weiter trotz verringerten Geschäftsvolumens, bedingt u.a. durch die Verschuldung Johann Jakobs, rückläufige Geschäfte in Spanien und den Niederlanden sowie Streitigkeiten mit Raymunds prot. Sohn Ulrich F. (* 1526, † 1584), der schließlich aus dem Unternehmen ausschied. 1566-1592 Geheimer Rat, 1576-1585 Stpf. 1580 wurde der Firma mit dem Austritt von Philipp Eduard (* 1546, † 1618) und Octavian Secundus (* 1549, † 1600), der 1593-1600 als Geheimer Rat und 1594-1600 als Stpf. amtierte, erneut Kapital entzogen. Die Brüder gründeten als „Georg F.’sche Erben“ ein eigenes Handelshaus, das u.a. 1586 mit den Welsern den Pfefferkontrakt schloß.

Hans

(* 4.9.1531 A., † 15.4.1598 A.), ein weiterer Sohn Antons, war nach Tätigkeit als Kaufmann in Antwerpen ab 1560 am Familienunternehmen beteiligt. Im selben Jahr Heirat mit Elisabeth Freiin Notthafft von Weißenburg (* 1539, † 1582). 1575 fiel ihm durch Erbteilung Herrschaft und Burg Kirchheim/Mindel zu, die er bis auf die Kapelle abbrechen ließ. 1578/85 errichtete der A.er Stadtwerkmeister J. Eschey hier eine Vierflügelanlage, deren großer Saal die bedeutendste Renaissance-Holzdecke Dtld.s, ein Werk W. Dietrichs, enthält („Zedernsaal“, 1585). Hans, der in der Kirchheimer Schloßkapelle begraben wurde, veranlaßte auch die Umgestaltung des F.-Hauses am Zeugplatz. Ursula († 4.4.1573 Bozen), ev. Tochter des südtiroler Landeshauptmanns Wilhelm von Lichtenstein-Karneid, heiratete 1542 Johann Jakobs Bruder Georg (* 1518, † 1569), dem sie 14 Kinder gebar. 1560 konvertierte sie zum Katholizismus. Bedeutende Gönnerin der A.er Jesuiten (St. Salvator). Am Canisius-Altar im Dom ist sie als Stifterin verewigt, begraben in St. Ulrich und Afra. 1569 unternahm sie mit ihrem Schwager Hans F. eine Wallfahrt nach Loreto und Rom, wo sie vom Papst empfangen wurden. Der ks. General Ottheinrich F. (* 12.1.1592 A., † 12.10.1644 A.), der in Ingolstadt und Perugia studierte und 1617 in den spanischen Militärdienst eintrat, kämpfte seit 1618 für die kath. Liga (u.a. unter Wallenstein). Nach dem kampflosen Abzug der Schweden 1635 Statthalter in A. Sein strenges Regiment führte jedoch zu ständigen Beschwerden beim Ks., der ihn am 30.4.1636 zum Stadtkommandanten zurückstufte.

Während des 30jährigen Krieges vollzog sich die allmähliche Lösung der F. von A. und die Integration in den Hochadel (Führung des Grafentitels seit 1620). Diese Entwicklung begann sich schon früher abzuzeichnen, wie die Wahlen Sigmund Friedrichs († 1600) und Jakobs († 1626) zu Fürstbf.en von Regensburg und Konstanz andeuten. Wirtschaftliche Basis der Familie wurden nun die zahlreichen Herrschaften in Schwaben, die seit Anton F. systematisch als Familienfideikomiß erworben worden waren. Angehörige der verschiedenen Linien der F. sind im 17. und 18. Jh. außerdem mit hochrangigen Funktionen im Hof- und Militärdienst der Wittelsbacher und bes. der Habsburger faßbar. Die Verbindungen zu A. rissen aber nie völlig ab, da Stiftungsverwaltung (F.sche Stiftungen) und Familienseniorat ihren Sitz in A. behielten; auch die Stadthäuser waren nicht veräußert worden. Entscheidende Veränderungen für die F. brachten die Umwälzungen des 19. Jh.s. Der Mediatisierung durch Bayern waren – durchaus mit politischem Kalkül – die meisten Linien der F. durch den Unterwerfungsvertrag vom 7.6.1806 zuvorgekommen. An der Vereinbarung nicht beteiligt war Anselm Maria († 1821), der 1803 von Ks. Franz II. den Reichsfürstenstand in Primogenitur erhielt unter gleichzeitiger Erhebung der Herrschaften Babenhausen, Boos und Kettershausen zum Reichsfürstentum Babenhausen. Dessen Existenz blieb Episode; noch 1806 wurde es in Vollzug der Rheinbundakte mediatisiert. 1818 erhielten die F.-Babenhausen zwar einen erblichen Sitz in der Kammer der Reichsräte, die Beziehungen zu Bayern blieben aber gespannt; man orientierte sich weiter nach Österreich. Weitaus stärker von Zeitströmungen aber auch von den veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen beeinflußt zeigt sich die Linie F.-Glött, die ebenfalls einen erblichen Sitz in der Kammer der Reichsräte erhalten hatte. Theodor († 1850), ein Sohn des Grafen Fidel Ferdinand († 1876), beteiligte sich an der 1848er Revolution und wurde in Landau standrechtlich erschossen. Ein anderer Sohn ließ sich in Italien nieder und begründete eine noch blühende bürgerliche Linie. Fehlentscheidungen des ältesten Sohnes Ernst († 1885) führten 1865 zu einer wirtschaftlichen Schieflage und 1869 zum Verlust der Herrschaft Glött. Nach Anfall Kirchheims (1878) waren die Schwierigkeiten wieder überwunden: sein Sohn Carl Ernst (1859-1940) wurde 1913 von Kg. Ludwig III. in den bayerischen Fürstenstand erhoben. Dessen einziger Sohn Joseph Ernst engagierte sich als F.scher Familiensenior nach Kriegsende intensiv für den Wiederaufbau der Fuggerei.

Joseph Ernst

(* 26.10.1895 Kirchheim/Mindel, † 13.5.1981 ebd.) studierte an der landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim und leitete dann das Familiengut in Oberndorf. Seit 1943 Mitglied eines A.er Widerstandskreises, nach dem 20.7.1944 verhaftet und vom Volksgerichtshof zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. 1949-1953 MdB (CSU), ab 1954 MdL (stellv. Fraktionschef); Mitglied des Europarats; 1966 Vorsitzender des Schwäbischen Hochschulkuratoriums (Univ. A.)