Stadt Augsburg Stadtarchiv Augsburg
L o g o
24.04.2018

Welser, Patrizier- und Kaufmannsfamilie

In A. nachweisbar ab 1246. 1532 Reichsadel, 1567 Frhr.-Stand („W. von Zinnenburg“), 1713 Frhr.-Stand der Ulmer Linie. Das erste Familienmitglied, das in den Quellen Konturen gewinnt, ist der als Ratsherr nachweisbare Bartholomäus (I, † 1334/36), bei dem engste Beziehungen zu den Portnern erkennbar sind. Ab 1311 amtierte er viermal als Bgm. Seine Söhne erscheinen seit 1321 in den Quellen. Zu ihnen zählt vielleicht auch Johann (I, † 1340/46); bezeugt sind Konrad (II, † 1351/55?), Bartholomäus (II, † 1346/51) und Ulrich (I, † 1343/46). Konrad, der Bedeutendste von ihnen, ist schon 1332 im Rat nachweisbar und amtierte nach dem Tod des Vaters zweimal als Bgm. Die fragmentarischen Informationen ab den 1360er Jahren lassen sich nicht zu einem Gesamtbild zusammenfügen, wohl Indiz für die Erschütterung der politischen und wirtschaftlichen Stellung der Familie nach der Zunfterhebung. Ein Konrad († vor 1389) trat zu den Zünften über und begründete den Goldschmiedezweig der Familie, der 1439 aus den Quellen verschwindet. Aus der patrizischen Linie lebte Anfang 15. Jh. nur noch Bartholomäus (III, † 1446). Früh verwaist, hatte er nur ein bescheidenes Vermögen geerbt, durch seine Verwandtschaft boten sich ihm jedoch beste Chancen für eine kaufmännische Karriere. Zumindest bis zu seiner Heirat dürfte er in der Gesellschaft seines älteren (Stief-)Bruders L. Egen tätig gewesen sein, machte sich dann aber mit seinem Schwager Hans Prun († 1424/25), auch er wohl Egen-Gesellschafter, selbständig. Die neue Firma wird 1414 erstmals erwähnt und 1422 als „Bartlome W. vnd seine gesellschafft“ bezeichnet. Hauptziele ihres Handels waren Venedig und Frankfurt, daneben Ulm, Nördlingen und Nürnberg, wichtigstes Geschäftsfeld der Handel mit Baumwolle und Barchent. Nachdem Prun und seine Erben (Hoy, Ravensburger) ausgeschieden waren, wurde die Firma von Bartholomäus und seinen Söhnen weitergeführt. 1439 geriet sie in eine schwere Krise, für die der älteste Sohn Lorenz verantwortlich war; die Hintergründe der Affäre bleiben unklar, fassbar sind die Folgen. Lorenz gab sein Bürgerrecht auf und schied wohl aus der Gesellschaft aus. Seine Position übernahm der zweite Sohn Bartholomäus (IV), der 1442 mit dem Vater genannt wird, als der Rat A.er Kaufleute wegen Umgehung einer Zollstelle mahnte. Die Entwicklung der folgenden Jahre liegt im Dunkeln. So ist bislang nicht eindeutig geklärt, ob die Firma nach dem Tod des Vaters von den Söhnen gemeinsam weitergeführt wurde, oder ob sich deren Wege zeitweilig trennten. In den 1450er Jahren sprechen Indizien für die Existenz einer Familiengesellschaft. Belegt ist die Firma „Bartholomäus W. und Gebrüder“ dann seit Anfang der 60er Jahre mit den Teilhabern Bartholomäus (IV, † 1484), Ulrich († 1498), Jakob († 1483) und Lukas († 1494/95). Auch die Aufgabenverteilung ist in Umrissen erkennbar: Bartholomäus, wegen seiner politischen Verpflichtungen ohnehin nicht abkömmlich, saß in der A.er Zentrale; Jakob war für das Geschäft in Richtung Köln und Niederlande zuständig und Lukas, der Kopf des Unternehmens, leitete wohl den Handel mit Italien, war aber auch in Frankfurt präsent. In den 70er Jahren wird, parallel zum Engagement im sächsischen Bergbau, auch eine Beteiligung am Osthandel erkennbar. 1486, nach dem Tod von zwei Brüdern, wird formelhaft die Beteiligung von Söhnen, Schwiegersöhnen und Töchtern erwähnt. Schon Antons (* 1451, † 1518, Sohn des Lukas) Heirat und Übersiedlung nach Memmingen leitete eine enge Zusammenarbeit mit der Gesellschaft der Vöhlin ein, die sich in einer Zusammenarbeit mit Vöhlin-Faktoren und Kapitaleinlagen niederschlugen. Wohl schon 1496, parallel zur Teilung des Erbes von Lukas W., kam es zur Fusion der beiden Gesellschaften.

Anton

Anton schloss sich mit seinem Memminger Schwager Konrad Vöhlin zu einem Unternehmen zusammen, dem zahlreiche Teilhaber aus der engeren und weiteren Verwandtschaft angehörten, u.a. Lukas (II) Rehm. Geschäftsschwerpunkte waren neben dem traditionellen Warenhandel auch zunehmend das Darlehens- und Kreditgeschäft. Als versierter Rechtsberater stand der Firma Antons Schwiegersohn K. Peutinger zur Seite. 1505 beteiligte sie sich federführend an der Indienfahrt, 1508 neben Adler, Fugger, Gossembrot, Höchstetter und Herwart an der ersten Konsortialanleihe Maximilians I. 1517 schieden nach heftigen Auseinandersetzungen mehrere Teilhaber aus, darunter Antons Bruder Jakob (1468-1541), der seit 1493 die Nürnberger Faktorei geleitet hatte und nun dort mit seinen Söhnen eine eigene, bald ebenfalls erfolgreiche Gesellschaft gründete. Hans (1497-1559) zog nach der Heirat mit der Tochter P. Adlers wieder nach A., ohne seine Beteiligung am väterlichen Handelshaus aufzugeben. Der engagierte Zwinglianer, ab 1536 Ratmitglied, war 1537-1547 viermal Stpf. und spielte eine entscheidende Rolle bei der Schließung der kath. Kirchen 1537 und dem Eintritt A.s in den Schmalkaldischen Krieg. 

Bartholomäus

Auch Bartholomäus (V, * 1484, † 1561), Sohn Antons und nach 1518 führende Gestalt des Unternehmens, saß von 1522-1533 im Rat. Unter seiner Leitung erreichte die Gesellschaft, der auch seine Brüder Anton (1486-1557) und Franz (1497-1572) angehörten, ihre größte wirtschaftliche Bedeutung: Intensivierung der Darlehensgeschäfte mit den Habsburgern, erste Kolonisationsversuche in Venezuela, Wirtschaftsbeziehungen auch zur französischen Krone. 1532 Erhebung der Brüder in den erblichen Adelsstand und Ernennung zu ks. Räten. In konfessionellen Fragen hielten sich Bartholomäus und Anton deutlich zurück, blieben aber wohl der alten Kirche verbunden. Bereits in der folgenden Generation zahlreiche Mischehen und Übertritte zum Protestantismus. Im Schmalkaldischen Krieg waren Bartholomäus und Anton um Neutralität bemüht, was zu erheblichen Spannungen mit dem Kaiser führte. Dem patrizischen Regiment nach 1548 gehörten Bartholomäus 1548-1555 als Geheimer Rat und Anton 1548-1552 als Bgm. an. 

Christoph

Bartholomäus Sohn Christoph (1517-1593) übernahm ab 1552 die Führung der Gesellschaft, der neben seinen Brüdern auch die Söhne Antons und Schwager B. May angehörten. Die Bartholomäus-Linie schied 1580 mit dem Austritt von Christoph und Hans (1530-1596, Geheimer Rat ab 1578, Stpf. ab 1585) als Gesellschafter aus. Bis zum Zusammenbruch 1614 lag die Geschäftsleitung bei den Brüdern Matthäus (1553 -1633), Paul (1555 -1620) und Markus (1558 -1614), die alle stadtpolitisch engagiert waren und höchste Ämter bekleideten, Markus als Stpf., Matthäus als Baumeister und Paul als Bgm. Der humanistisch gebildete Markus, als Historiker, Verleger und Mäzen vielfach tätig, initiierte mit seinem Bruder Matthäus das umfangreiche städtische Bauprogramm zwischen 1590 und 1620 (u.a. Rathaus, Brunnen). Negative Entwicklung des Unternehmens seit Mitte des 16. Jh.s. Die W. verloren große Summen in den spanischen und französischen Staatsbankrotten. Empfindlicher Geschäftseinbruch durch die Verluste in dem von K. (II) Rot übernommenen Pfefferkontrakt. Konkurs aber erst durch geschäftliche Fehlentscheidungen von Matthäus, der als Reichspfennigmeister (seit 1603) dem Kaiser große Geldmengen über die Gesellschaft beschaffte und dabei zunehmend deren finanzielle Möglichkeiten überspannte. Als der angesehene Markus starb, konnten seine Brüder keine neuen Darlehen mehr aufbringen, um fällige Außenstände zu decken. Am 1.7.1614 erfolgte die Falliterklärung, wenig später wurden die Brüder in Schuldhaft genommen, ein langwieriger Prozess begann. Paul starb 1620 im Gefängnis, seinem Bruder wurde 1621 die Haft erlassen, er blieb aber weiterhin unter Hausarrest und lebte später verarmt von der Familienstiftung. Trotz des Bankrotts blieb die gesellschaftliche Stellung der Familie in A. unangefochten. Mit David († 1654, Geheimer Rat 1614-1631, 1635-1650, Stpf. 1635-1650) stellte sie erneut einen bedeutenden Stadtpolitiker. Anders als die Fugger waren die W. trotz ihres außerordentlichen wirtschaftlichen Erfolgs stets in der Bürgerschaft integriert. Sie verschwägerten sich bevorzugt mit anderen A.er Kaufmannsfamilien.

Philippine

Die Eheschließung der Philippine W. mit Erzherzog Ferdinand 1557 blieb eine Ausnahme. Wegen ihrer bürgerlichen Herkunft konnte Philippine W. (* 1527 A., † 24.4. 1580 Innsbruck) im Jan. 1557 den Sohn Ks. Ferdinands I. und Statthalter von Böhmen, Erzherzog Ferdinand, nur heimlich heiraten. Aus der Ehe gingen die Söhne Andreas (später Kardinal) und Karl (später Markgraf von Burgau) hervor. 1567 bezog sie Schloss Ambras bei Innsbruck und erhielt den Titel Freiin von Zinnenburg, nachdem Ferdinand seinen Schwiegervater Franz W. samt Nachkommen in den Frhr.-Stand erhoben hatte. 1576 entband Papst Gregor XIII. das Ehepaar vom Gelübde der Geheimhaltung der Ehe. Die von den Untertanen „Mutter von Tirol“ genannte P.W. stellte ein Kochbuch zusammen, das heute auf Schloss Ambras verwahrt wird (A.er Küche). Ihr Grabmal befindet sich in der Silbernen Kapelle der Innsbrucker Hofkirche.

Markus

Der jüngste Sohn des Matthäus W., Markus (* 20.6.1558 A., † 23.6.1614 A.), erhielt Unterricht bei H. Wolf und Simon Fabricius und studierte schon zehnjährig in Padua und 1572 in Paris. Es folgten Reisen durch Oberitalien und nach Rom sowie ein zweijähriger Aufenthalt in Venedig. 1583 Heirat mit Anna May. Juristische Kenntnisse führten 1584 zur Berufung ins A.er Stadtgericht, 1592 in den Äußeren und 1598 in den Geheimen Rat. 1592-1594 war er Bgm., 1600-1614 Stpf. Unterhielt regen Kontakt mit zahlreichen Gelehrten seiner Zeit (Galilei, Scaliger, Camerarius) und war seit 1612 Mitglied der Accademia dei Lincei in Rom. Sein Interesse galt der historischen Forschung wie auch der Edition griechischer und lateinischer Autoren. Zu diesem Zweck finanzierte er den Verlag „Ad Insigne Pinus“. Seine reichhaltige Privatbibliothek stand auch anderen Gelehrten offen. Als Gelehrter des dt. Späthumanismus interessierte er sich darüber hinaus für weitere Wiss.-Gebiete (u.a. auch Naturwiss.). Unterhielt Kontakte zu Herzog Maximilian von Bayern, aber auch zu den prot. Gelehrten seiner Zeit (Höschel). Der gläubige Katholik gilt als Mann des konfessionellen Ausgleichs, der polemische religiöse Konfrontationen vermied. Seine wichtigsten Werke sind die „Inscriptiones antiquae Augustae Vindelicorum“ (1590), die „Rerum Augustanarum Vindelicarum libri VIII“ (1594, dt. als erster Teil der Chronik von E. Werlich 1595) und die „Rerum Boicarum libri V“ (1602, dt. 1605 von Paul W.) sowie eine quellenkritische Geschichte Bayerns, erarbeitet im Auftrag Herzog Maximilians. Von hohem Wert sind die Editionen der „Tabula Peutingeriana“ (1598), der „Conversio et passio St. Afrae“ (1591), der „Imagines sanctorum Augustanorum Vindelicorum“ (1601), der „Uranometria“ (1603) und der Briefe Scheiners über die Sonnenflecken (1612).