Stadt Augsburg Stadtarchiv Augsburg
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27.04.2018

Projekt „Jüdische Straßennamen und Ortsbezeichnungen in Augsburg – wieder in Erinnerung gerufen“ von P. Augustin Renner OSB

Untersucht man die Straßennamen und Ortsbezeichnungen eines durch Jahrhunderte gewachsenen Ortes, so stellt man fest, dass viele dieser Namen „geronnene Geschichte“ sind, dass sich in ihnen also geschichtliche Ereignisse verdichten und manche Entwicklungen, die eine Stadt im Verlauf der Zeit durchgemacht hat, aus ihrer Veränderung abzulesen sind.

Zur Geschichte Augsburgs gehört auch die Geschichte seiner jüdischen Bürger. In einem Projekt, dessen Ergebnis bei dem Wettbewerb der Diözese Augsburg „Übersehenes wahrnehmen - Übersehenem Gestalt geben“ mit einem Sonderpreis ausgezeichnet wurde und das in den letzten beiden Schulwochen auch als Ausstellung im Schulhaus zu sehen war, beschäftigten sich die katholischen Schülerinnen und Schüler der Klasse 8b des Gymnasiums bei St. Stephan mit den Spuren jüdischer Straßennamen und Ortsbezeichnungen in Augsburg, die heute nicht mehr existieren. Der folgende Artikel stellt die Ergebnisse zu zwei von vier Orten vor.

Stadtplan von Kilian (1626). Links unten hinter dem Turm der Stadtmauer die Gasse „Am Judenbrunnen“.

a) Der Judenbrunnen:

Auf dem Augsburger Stadtplan von Wolfgang Kilian1 aus dem Jahr 1626 erkennt man südöstlich des adeligen Damenstiftes St. Stephan die Gasse „Am Judenbrunnen“, die eine Gruppe von drei Häusern mit Innenhof (Litera 178-180) umschließt. Einer der Vorgängerpläne Kilians, gedruckt im Jahr 1521 von Georg „Jörg“ Seld, der Augsburg von Westen her zeigt, lässt hingegen leider kaum Rückschlüsse zu, wie das Gelände etwa 100 Jahre früher bebaut war: Auf ihm sind in der betreffenden Gegend nur Bäume zu erkennen.

 

Das Areal „Am Judenbrunnen“ ist offenbar nach einem Brunnen benannt, dessen Standort mit Hilfe des Stadtplans von Jeremias Wolf1 aus dem Jahr 1729 bestimmt werden kann: Nördlich der Einmündung der Gasse „Hinter den Karmelitern“ liegt eine Brunnenanlage, die in Andeutungen auch noch auf einem Stadtplan des Augsburger Adressbuches von 1825 zu erkennen ist.

2 Warum dieser Brunnen den Namen „Judenbrunnen“ erhalten hat, bleibt bisher vom Dunkel der Geschichte verborgen. Vielleicht ließ ein Jude diesen Brunnen erbauen, oder er wurde nach einem jüdischen Anwohner benannt; in diesem Fall läge der Zeitpunkt der Entstehung vor dem Jahr 1440, da es nach der Vertreibung der jüdischen Gemeinde keinem Juden mehr erlaubt war, in der Stadt zu wohnen. Unwahrscheinlich ist jedoch, dass sich an diesem Ort eine jüdische Badeanlage befand, die durch den „Judenbrunnen“ gespeist wurde.

Statistische Notiz von Baurat Joseph Kollmann zum Niveau des Grundwassers in Augsburg im Dezember 1856. An Position XIV ist der „Judenbrunnen“ genannt (Stadtarchiv Augsburg, Reichsstadt, Bauamt, VII, Akten und Ordnungen, K 229, Beilage zu einem Brunnenbuch aus dem Jahr 1740).
Aufnahme vom 11. April 1914 vormittags gegen 9.30 Uhr. Links das (alte) Gymnasialgebäude von St. Stephan, das sich entlang der Karmelitenmauer erstreckte. Zwischen diesem Gebäude und den „Bobinger-Häusern“ verläuft die (Sack-)Gasse „Am Judenbrunnen“ (Stiftsarchiv St. Stephan, Bildersammlung BS1).
Aufnahme vom 7. Juli 1917. Links im Vordergrund der Erweiterungsbau des Gymnasiums, dahinter das Gebäude des Studienseminars St. Joseph bei St. Stephan (Stiftsarchiv St. Stephan, Bildersammlung BS1)

Den Beweis für die Existenz und sogar das Funktionieren dieses Brunnens bis ins 19. Jahrhundert hinein liefert eine Aufstellung mit dem Niveau des Grundwassers ausgewählter Augsburger Brunnen vom Dezember 1856, die der städtische Baurat Joseph Kollmann anfertigen ließ:3 An Position XIV findet sich hier ein „Oeffentlicher Brunnen hinter St. Stephan, der Judenbrunnen genannt“ mit einem Grundwasserstand von 36,150 bayerischen Fuß (= 36,150 x 29,186 cm = 10,55 m) unterhalb der Portalschwelle des Augsburger Rathauses. Da diese (nach Angaben des Stadtvermessungsamtes Augsburg) auf einer Höhe von 486,65 m über NN liegt, betrug das Niveau des Grundwassers damals etwa 476,10 m über NN.

 

Der Brunnen selbst existierte bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts. Als am 1. Oktober 1879 das Pumpwerk am Hochablass für die Wasserversorgung der Stadt in Betrieb genommen wurde, waren die alten Brunnen überflüssig geworden und wurden geschlossen. In einer Übersicht vom 20. Oktober 1880 sind nur noch etwa fünfundzwanzig funktionierende Brunnen in der nördlichen Stadt aufgeführt, darunter der Brunnen „E 178 Hinter dem Gymnasium“.4 Ein halbes Jahr später, am 10. März 1881, erteilt der Magistrat den Auftrag, festzustellen, ob alle Hausbesitzer das Wasser aus dem neuen Brunnenwerk beziehen.5 Vermutlich kurz danach wurden alle noch bestehenden Pump- und Ziehbrunnen geschlossen und verfüllt; auch der „Judenbrunnen“ erlitt dieses Schicksal.

Die Gasse „Am Judenbrunnen“ wurde mit dem Erweiterungstrakt des Gymnasiums bei St. Stephan in den Jahren 1914-1915 überbaut, ebenso wie die von ihr umgebenen Gebäude Litera E178-180. Diese kaufte am 1. Februar 1911 das Benediktinerstift St. Stephan von ihrem früheren Besitzer Anton Bobinger (daher auch der Name „Bobinger-Häuser“),6 nachdem das Gässchen bereits durch den nördlich anschließenden Erweiterungsbau des Studienseminars (errichtet von 1906 bis 1908) zur Sackgasse geworden war. So verschwand auch der Straßenname „Am Judenbrunnen“ und mit ihm die Erinnerung an einen Brunnen, der vielleicht die Präsenz von Juden im Gebiet nördlich der Bischofsstadt belegt.

b) „Judenfriedhof“ und „Judenwall“:

Als im Jahr 1298 der adelige Ritter Rindfleisch von Röttingen im Taubertal aus mit einer Horde von Anhängern brandschatzend und mordend durch Franken und Schwaben zog und mehr als hundert jüdische Gemeinden auslöschte, fühlten sich wohl die Juden der Stadt Augsburg ebenfalls bedroht (die Tatsache, dass dreizehn Jahre zuvor in München ein Pogrom gegen die Juden geschehen war, wird die Befürchtungen sicherlich noch vergrößert haben).

Stadtplan von Kilian (1626). Die Wallanlage am Judenfriedhof ist bereits vollständig zu einer Bastion ausgebaut. Darunter liegt das dreieckige Gelände des „Katzenstadel“, des Depots für die städtischen Geschütze.
Stadtplan von Seld (1521). Der (abgeräumte) Judenfriedhof in der Bildmitte ist mit einer Wallanlage umgeben und wird vom Stadtgraben umflossen. Unmittelbar davor befand sich die Richtstätte der Stadt.

In diesem Kontext ist die Selbstverpflichtung der jüdischen Gemeinde gegenüber der Stadt Augsburg zu sehen, innerhalb von vier Jahren ein Stück der neu zu errichtenden Stadtmauer von dem Heilig-Kreuz-Kloster bis zu dem Stadtgraben im Nordwesten der Stadt auf eigene Kosten zu finanzieren, wie es in der Urkunde vom 23. August 1298 heißt: „Wir Benditte Juedlin sin sun, Michel, Lambt, Aaron sin bruder, Osterman, Joseph von Werde, Mosman sin sun, Joseph von Biberach und sin tohterman Maus, Liebaermaenin und ir sun Saelickman, Choewellin von Frideberch, Joseph von Muelrestat, Jaecklin, und diu gemain der juden in der stat ze Auspurch, si sein genent oder niht arme, und riche, tun chunt allen den die disen brief lesent hoerent oder sehent, [...] daz wir der stat ze eren, und ze nuz und dem richen ze dienst ain mawr machen wellen vor unserm chirchof, hindan fuer der stat maur zem heiligen chriuece, untz an den graben, in vier iaren“.7

Die Juden der Stadt Augsburg verpflichten sich zur Errichtung eines Teils der Stadtmauer vom Heilig-Kreuz-Kloster bis zu ihrem Friedhof (Stadtarchiv Augsburg, Reichsstadt, Urkundensammlung, Urkunde vom 23. August 1298).

Dieses Bauvorhaben war nicht ganz uneigennützig, denn während der vierjährigen Bauzeit konnte die Stadt keine Übergriffe gegen Juden zulassen, und auch der jüdische Friedhof, der sich vermutlich schon länger dort im Nordosten der Stadt befand, erhielt durch diese Mauer einen gewisse Sicherheit. Den Schutz vor gewaltsamen Übergriffen, den die Stadt unter Mithilfe des Königs und seines Vogtes garantiert, bekräftigt die Urkunde ausdrücklich am Ende: „So veriehen wir die ratgeben und auch diu gemain der stat, daz wir [...] si, mit unsaers herren chuenige Al(brehtes), des Romischen chuniges und sines vogtes swer danne unser vogt ist haelfe, triwlich schermen suellen vor unreht und vor gewalt.“ Gleichzeitig haftet die Gemeinde bei Nichterfüllung des Abkommens mit ihrem ganzen Vermögen: „und haben in darumb gesetzet unser schuol und swaz diu gemain der juden, in der stat aigens hat, ze rehtem phande, ob wir den bawe niht volbraehten in dem vorgenanten zil, so habent die ratgeben, und diu gemain der stat gewalt den bawe, in, ze volbringen, von unserm guot, und auf unsern schaden auz und auz“.

In der Folgezeit ist die Quellenlage für den jüdischen Friedhof dürftig: Eintragungen in den Baumeisterbüchern der Stadt, die in den Jahren 13738 und 14189 größere Bauarbeiten auflisten, und ein Vermerk aus dem Jahre 138910 über das Begräbnis auswärtiger Juden aus Aichach, Donauwörth und Lauingen zeigen die Sorge der Stadt für die Erhaltung des Friedhofs und seine überregionale Bedeutung mit einem relativ großen Einzugsbereich.

Am 7. Juli 1438 beschließt der Magistrat von Augsburg, dass man die Juden „nit länger hie in der Statt laußen sölle dann von hüt dem tag über zway Jare“.11 Bereits vor dem Jahr 1440 verlassen viele Juden die Stadt, wie es das Steuerbuch des Jahres 1438 deutlich werden lässt: in ihm sind nur noch 25 steuerzahlende Juden namentlich eingetragen, und hinter sechs Namen ist bereits der Zusatz „recessit“ vermerkt.12 Spätestens mit dem Auszug der letzten Juden aus Augsburg verwaist auch der jüdische Friedhof.

Stadtplan von Seld (1521). Links der Perlachturm, rechts das gotische Rathaus. An der linken Ecke des Rathauses das „Vogelnest“ (ein vorstehender Erker), in der Mitte der Turm mit der Sturmglocke, die mit den jüdischen Grabsteinen erbaut wurden.

Damit steht dieses Gelände mit seinen mehreren hundert Grabsteinen der Stadt Augsburg nach Belieben zur Verfügung, und diese nutzt seinen Reichtum an Steinen, einem in der damaligen Zeit knappen Baumaterial, nach wenigen Jahren, um ihr Rathaus repräsentativ zu erweitern und auszuschmücken, wie es die Chronik von Burkhard Zink schildert: „da hett man willen, die stieg auf das rathaus und das vogelnest auf dem tor an dem rathaus und den turm zu der sturmgloggen ze machen, und mocht man nit stain darzu haben, die man fast teur bezallen muest: da fuer man zu und nam den juden all ir grabstain in dem judenkirchhoff und verpaut sie all an den ietzgemelten stucken.“13

Neben den beiden kaum mehr lesbaren und auch nicht datierten jüdischen Inschriften, die im Hof des Peutinger-Hauses vermauert sind, existiert nur ein einziger weiterer bekannter Grabstein. Dieser wurde bei einer Grabung im ehemaligen Heilig-Geist-Spital im Frühjahr 2000 gefunden. Er war dort als Baumaterial verwendet worden und geriet bereits beim Umbau des Spitals durch Elias Holl im Jahr 1625 in den Bauschutt. Von dem Grabstein ist nur die untere Hälfte erhalten; deshalb sind Name und Geschlecht des Verstorbenen unbekannt. Lesbar ist das Datum „8. im Kislev des Jahres 93 nach der Zählung“ (= 8. Kislev 5093), welches nach unserer Zeitrechnung dem Freitag, den 27. November 1332 entspricht. Es folgen der übliche Schlusssegen „Seine Seele sei eingebunden im Bündel des Lebens.“ (nach 1 Sam 25,29) und der Abschluss mit „Amen. Sela“, der den Segen bekräftigt.14

Das Areal am Judenfriedhof blieb jedoch erhalten; das Gelände wurde in die Be­festigungsanlagen der Stadt einbezogen, wie es der Stadtplan von Kilian aus dem Jahr 1626 zeigt, und zur Bastion ausgebaut. Daher rührt auch der bis ins 20. Jahrhundert hinein gebräuchliche Name „Judenwall“ bzw. „Judenbastion“.

Im Jahr 1875 werden Pläne der Stadt zur Umgestaltung des Judenwalls zurückgestellt, da sich das Gelände noch im Besitz des Militärs befindet. Obwohl bereits ein Plan zur Nutzung des Geländes erstellt worden ist, heißt es in einem Schreiben der Stadt vom 8. September 1875 an die Königliche Regierung von Schwaben und Neuburg: „Es empfiehlt sich, insolange die Commune sich nicht im Besitze des Judenwalls und des militärischen Anwesens zum Katzenstadel befindet, die förmliche Festsetzung der Baulinien auf einer weiteren Strecke als bis zum altem Zeughaus-Gässchen nicht auszudehnen.“15

So blieb der „Judenwall“ als einziger Teil der westlichen Stadtbefestigung noch bestehen, obwohl nördlich und südlich anschließend die Straße „An der Blauen Kappe“ auf den ehemaligen Festungsanlagen errichtet wurde, und bildete so eine Sperre, die diese Straße zu zwei Sackgassen werden ließ.

Projektplan vom Judenwall mit geplantem Park, Anlage zum Bericht des Baubureaus, die Herstellung einer Anlage am Judenwall betreffend, vom 16.12.1897 (Stadtarchiv Augsburg, Bestand 45, Nr. 67, Produkt 144).

Gleichzeitig mit dem Bau des Amts- und Landgerichtsgefängnisses am Katzenstadel trug man im Jahr 1891 den Judenwall ab.16 Nachdem die Stadt mit Vertrag vom 24. Oktober 1896 das Areal angekauft hatte, wurde über dem Judenwall ein Park angelegt und die Straße „An der Blauen Kappe“ verlängert, wie ein Projektplan vom Dezember 1897 zeigt.17

So verschwand dieser Ort aus dem Stadtbild, und damit auch sein Name allmählich aus dem Gedächtnis der Augsburger Bürger.

  1. Die Pläne von Jörg Seld (als Ausdruck) und von Wolfgang Kilian befinden sich im Besitz der Benediktinerabtei St. Stephan und des Gymnasiums, der Stadtplan von Wolf wurde der Abtei anlässlich der Herausgabe der Festschrift „Ad Sanctum Stephanum“ (Augsburg 1969) von der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg zur Verfügung gestellt.
  2. Stadtarchiv Augsburg, Amtsbibliothek, Augsburger Adressbuch 1825. HB I13, 618. Übersichtsplan zur Innenstadt.
  3. „Statistische Notiz von Baurath Kollmann. Niveau des Grundwassers in Augsburg im Monat Dezember 1856.“ Stadtarchiv Augsburg, Reichsstadt, Bauamt, VII, Akten und Ordnungen, K 229, Beilage zu einem Brunnenbuch aus dem Jahr 1740.
  4. Stadtarchiv Augsburg, Bestand 11/II, Nr. 2106, Produkt 320.
  5. Vgl. Stadtarchiv Augsburg, Bestand 11/II, Nr. 2106, Produkt 337.
  6. Stiftsarchiv St. Stephan, Gy 102a, Nr. 27, Kaufvertrag vom 1.2.1911.
  7. Stadtarchiv Augsburg, Reichsstadt, Urkundensammlung, Urkunde vom 23. August 1298.
  8. Stadtarchiv Augsburg, Baumeisteramt, Baumeisterbuch 1373, fol. 152v/153r.
  9. Stadtarchiv Augsburg, Baumeisteramt, Baumeisterbuch 1418, fol. 26v/27r.
  10. Stadtarchiv Augsburg, Baumeisteramt, Baumeisterbuch 1389, fol. 24v.
  11. Stadtarchiv Augsburg, Rat, Ratsprotokolle, fol. 226r.
  12. Stadtarchiv Augsburg, Steueramt, Steuerbuch 1438, fol. 13r.
  13. Stadtarchiv Augsburg, Reichsstadt, Chroniken 1, fol. 237b/238a.
  14. Die Informationen zu dem Grabstein und die Lesung seines Textes wurden freundlicherweise von der Stadtarchäologie Augsburg zur Verfügung gestellt.
  15. Stadtarchiv Augsburg, Bestand 45, Nr. 67, Produkt 7.
  16. Stadtarchiv Augsburg, Bestand 45, Nr. 67, Produkt 81.
  17. Stadtarchiv Augsburg, Bestand 45, Nr. 67, Produkt 144.